Schweizer als Obermelker in Franken

"Auf ein Oekonomiegut in Franken - Baiern bei Würzburg - wird zur sorgsamen guten Wartung und Pflege eines Viehstandes von 60-80 Kühen und 30-40 Stück Jungvieh eine Familie von 4-5 in diesem Fache geübten, erwachsenen, arbeitsfähigen Personen gesucht. - Der jährliche Verdienst für gewissenhafte Verpflegung obigen Viehstandes würde sich inklusive Deputat und freie Logis jährlich auf zirka fl. 1000 berechnen. - Die speziellen Bedingungen sind zu erfahren bei Herrn Jakob Joseph Nussbaumer, nächst der Kirche in Oberägeri." http://newspaper.archives.rero.ch/Olive/APA/SNL_FR/default.aspx#panel=home
Diese Anzeige erschien am Samstag, 12. Mai 1866 in der Neuen Zuger Zeitung. Vermutlich war es eine solche Anzeige oder der Herr Nussbaumer in Oberägeri persönlich, die meine Vorfahren von Oberägeri
nach Thüngen nördlich von Würzburg lockten.
 
Meine Vorfahren als Obermelker in Thüngen
 
Mein Ururgrossvater Melchior Joseph Iten aus Oberägeri wanderte vor 1878 nach Thüngen bei Karlstadt aus. Er arbeitete dort als (Ober)melker, da dieser Beruf oft von Schweizern ausgeübt wurde, wurde er auch Schweizer genannt. Ich vermute, dass er auf dem Gutshof der Familie von Thüngen angestellt war, mir fehlt aber noch der endgültige Beweis. 1878 heiratete er Anna Barbara Weidner aus Hesslar, ein Nachbardorf von Thüngen. Nach dem frühen Tod von Melchior Joseph Iten im Jahr 1891 lebten seine Witwe und die Kinder wieder in der Schweiz.
 
In den Geburtseinträgen der Söhne Joseph Anton (1885) und Franz Joseph (1886) wird er als "gutsherr- schaftlicher Schweizer" bezeichnet, wohnhaft im Haus Nr. 72 in Thüngen. In seinem Sterbeeintrag von 1891 wird er nur noch als "Schweizer" bezeichnet, wohnhaft in der Mietswohnung, Haus Nr. 72 in Thüngen. Er wurde geboren in Oberägeri in der Schweiz und seine Eltern waren Anton Iten, Bauer, bereits verstorben, und Rosa Iten, geborene Bründler, noch lebend.
 
Nebst diesen drei Standesamtseinträgen liegen mir auch zwei Kirchenbucheinträge vor: Der Heiratseintrag von Melchior Joseph Iten und Anna Barbara Weidner sowie der Sterbeeintrag von Melchior Joseph Iten.  In ersterem werden die Trauzeugen Joseph Keller/Heller und Michael Lamprecht erwähnt. In letzterem wird Melchior wieder nur als Schweizer in Thüngen bezeichnet, mit der Adresse "Schlosshof Nr. 72", was darauf hindeutet, dass er tatsächlich auf dem Gutshof der von Thüngens gearbeitet hat. Die Todesursache war Kehlkopf- und Lungen-Schwindsucht (=Tuberkulose) und er wurde bereits einen Tag nach seinem Tod beerdigt.
 
Sein jüngerer Bruder Joseph Anton wanderte ebenfalls nach Thüngen aus und heiratete 1887 eine Margaretha Keller, Witwe des Karl Johann Amthor, im Beisein des Trauzeugen Kaspar Amthor. Auch 
Joseph Anton war vermutlich auf dem Gutshof der Familie von Thüngen als (Ober)melker angestellt.
In einer Einwohnerliste von Thüngen von 1928 taucht ein Anton Ithen, Oberschweizer, Hauptstrasse 81 auf. Dabei handelt es sich wohl bereits um Johann Anton, den Sohn von Joseph Anton Iten. Dieser Sohn kam ebenfalls irgendwann wieder in seine Heimat, das Ägerital in der Schweiz zurück.
 
 
Ein weiterer Oberägerer in Thüngen
 
Zur gleichen Zeit wie mein Ururgrossvater wanderte auch ein Bonaventura Rogenmoser aus Oberägeri nach Thüngen aus. Er war der Sohn von Christian Rogenmoser und Emma Müller, Seidenweber in Oberägeri.
Neue Erkenntnisse einer anderen Ahnenforscherin haben ergeben, dass Bonaventura Rogenmoser noch an anderen Orten wohnte und arbeitete, bevor er nach Thüngen kam. Ein Sohn kam im Wolfskofen/Mintraching  
bei Regensburg zur Welt, weitere Kinder in Gelchsheim und nur die jüngsten Kinder in Thüngen.
Zum Zeitpunkt der Geburt der Tochter Maria Rosa am 13.09.1891 wird er als gutsherrschaftlicher Schweizer bezeichnet und wohnte in der Mietswohnung Haus Nr. 72 in Thüngen. Er starb am 23. August 1919 im Alter von 68 Jahren in Würzburg. Dort wohnte er bei der Tochter Margareta Rogenmoser, einer ledigen Fabrikarbeiterin. Seine Ehefrau Anna Maria Zehnter, geboren in Acholshausen bei Ochsenfurt, starb am 10. Mai 1926 im Alter von 71 Jahren in Würzburg. Sie wohnte auf dem Rotkreuzhof bei ihrem Schwiegersohn Leonhard Kretzer, Oberschweizer. Ein Sohn des Ehepaares Rogenmoser-Zehnter namens Georg Rogenmoser , geboren am 15.02.1880 in Wolfskofen, war von Beruf Viehwärter. Er war verheiratet mit Maria Barbara Zahn, geboren am 23.03.1880 in Rottendorf bei Würzburg. Die Kinder aus dieser Ehe wurden ebenfalls in Rottendorf geboren.
 
Bonaventura Rogenmoser war der Halbbruder von Franz Paul Rogenmoser, der wiederum der Vater von Magdalena Crescentia Rogenmoser war, die mit Oswald Iten ab dem Hof Acher, auf dem Hof Widen, beides in Unterägeri, verheiratet war. Diese beiden waren meine Ururgrosseltern auf der Seite meiner Grossmutter, während Melchior Josef Iten und Anna Barbara Weidner meine Ururgrosseltern auf der Seite meines Grossvaters waren.
 
 
Kirche St. Albanus Stetten
 
Auf meiner Reise auf den Spuren dieser Vorfahren besichtigte ich auch die Kirche in Stetten. Ich hatte das Glück dort auf einen Mann zu treffen, der mir etwas über die Geschichte dieser Kirche erzählen konnte.
 
Bis 1803 gingen auch die Bewohner von Hesslar hier zur Kirche.
Zuerst war sie kleiner, die heutige hintere Breitseite war die Längsseite.
Der rechte Seitenalter stammt von der früheren Friedhofskapelle.
Tabernakel von der alten Kirche hängt an der rechten Längsseite.
Die Orgel war früher vorne rechts, der Ton hallte von der linken Wand
zurück, so wurden die Organistinnen (Klosterfrauen) mit der Zeit taub.
 
1884 wurde die Kirche um 2 Joch (vermutlich Bögen) erweitert.
1931 wurde das Schulhaus neben der Kirche gebaut.
1969 wurde eine neue grössere Kirche gebaut, nur der Turm ist noch der Alte.
Auf beiden Seiten der Kirche waren früher Weinkeller.
Auf der einen Seite sieht man noch die Eingangstüren.
 
 
Schloss und Gutshof Thüngen
 
In Thüngen auf dem Planplatz angekommen, erblickte ich zuerst die
Denkmale der beiden Weltkriege. Auf einem Gedenkstein wird auch
der Juden als Opfer dieser dunklen Zeit gedacht.
 
Vom Schloss sieht man nicht viel, da es von einer hohen Mauer
umgeben ist. Der Gutshof bestand wohl aus zwei langen Gebäuden,
daneben befindet sich immer noch die Brauerei.
 
In der Bücherei haben wir uns die folgenden Bücher angeschaut:
 
Thüngener Heimatbuch von Fritz Kugler (mit einer Einwohnerliste
von 1928, darin ein Anton Ithen, Oberschweizer, Hauptstrasse 81).
 
Das Haus Thüngen von Hanskarl von Thüngen (hier gibt es einen
Abschnitt mit allgemeinen Infos über den Betrieb des Gutshofes).
 
 
Rindviehhaltung Gutshof Thüngen
 
Ein Ausschnitt aus oben erwähntem Buch gibt uns einen Einblick unter welchen Voraussetzungen mein Ururgrossvater dort gearbeitet hat:
 
Im Jahre 1863 wurde der Viehstall gebaut, der heute noch steht. Man wechselte langsam von Mast zu Zucht. In der Züchtung wurden Simmentaler mit gelbrotem Frankenvieh gekreuzt. 1873 wurde eine gesamte Stammherde mit 45 Stück Zuchtkühen gekauft. Ab 1879 ging man zum Milchverkauf von 850 Liter pro Tag
für 13 Pfennig franko Würzburg über. 1912 waren es 120 Kühe.